<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Vortrag &#8211; patasona</title>
	<atom:link href="https://patasona.de/tag/vortrag/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://patasona.de</link>
	<description>Spielend zur Veränderung</description>
	<lastBuildDate>Wed, 22 Jan 2020 22:50:25 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=7.1</generator>

<image>
	<url>https://patasona.de/wp-content/uploads/2021/01/logo-hyp-rem-150x150.png</url>
	<title>Vortrag &#8211; patasona</title>
	<link>https://patasona.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>XVI Convegno di Arteterapia</title>
		<link>https://patasona.de/xvi-convegno-di-arteterapia/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[patasona]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Jan 2020 13:41:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Education]]></category>
		<category><![CDATA[events]]></category>
		<category><![CDATA[Vortrag]]></category>
		<category><![CDATA[Arteterapia]]></category>
		<category><![CDATA[Assisi]]></category>
		<category><![CDATA[Convegno]]></category>
		<category><![CDATA[Rasa]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://patasona.de/?p=1812</guid>

					<description><![CDATA[Vortrag am 18.01.2020 XVI CONVEGNO DI ARTETERAPIA “VIVERE L’IMPERFEZIONE Arti terapie e “alcune tenere imprecisioni” J. L. Borges Cittadella Formazione &#8211; Pro Civitate Christiana- Assisi Sonja Narr &#38; Patric Tavanti “La libertà nella limitazione: Rasa-Boxes, un metodo indiano psicofisico nella drammaterapia” Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, bevor ich zum Thema komme, &#8230;<p class="read-more"> <a class="" href="https://patasona.de/xvi-convegno-di-arteterapia/"> <span class="screen-reader-text">XVI Convegno di Arteterapia</span>weiterlesen</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Vortrag am 18.01.2020</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>XVI CONVEGNO DI ARTETERAPIA
“VIVERE L’IMPERFEZIONE<br>
Arti terapie e “alcune tenere imprecisioni” J. L. Borges</strong><br>
Cittadella Formazione &#8211; Pro Civitate Christiana- Assisi</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sonja Narr &amp; Patric Tavanti<br> <em>“La libertà nella limitazione: Rasa-Boxes, un metodo indiano psicofisico nella drammaterapia”</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,</p>



<figure class="wp-block-image"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="804" src="https://patasona.de/wp-content/uploads/2020/01/Vortrag_Assisi_1-1024x804.jpg" alt="" class="wp-image-1822" srcset="https://patasona.de/wp-content/uploads/2020/01/Vortrag_Assisi_1-1024x804.jpg 1024w, https://patasona.de/wp-content/uploads/2020/01/Vortrag_Assisi_1-300x235.jpg 300w, https://patasona.de/wp-content/uploads/2020/01/Vortrag_Assisi_1-768x603.jpg 768w, https://patasona.de/wp-content/uploads/2020/01/Vortrag_Assisi_1-600x471.jpg 600w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">bevor ich zum Thema komme, möchte ich mich auch im Namen meines Kollegen Patric Tavanti, der her neben mir sitzt, herzlich bedanken, dass wir als Theatertherapeuten aus Deutschland auf Ihrem Convegno unsere Arbeit und Gedanken vorstellen dürfen, und mit Ihnen in einen sicherlich spannenden und inspirierenden Austausch treten dürfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Patric Tavanti hat hier in
Assisi in den letzten Jahren schon einige theatertherapeutisch basierte Workshops
für deutsche Gruppen zur Schöpfungsspiritualität des Heiligen Franziskus
gegeben. Und trotz seines italienischen Namens, den er seinen Urgroßeltern aus
Lucignano in der Toskana verdankt, spricht er kein Wort dieser schönen Sprache.
Aber das ist eine andere Geschichte … und wer ist schon perfekt!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch ich war schon mehrere
Male in Assisi. Und wir beide haben mit Valentina Canonico und Simone Donnari vom
Altas Centre in Perugia vor einiger Zeit gemeinsam in einem europäischen Forschungsprojekt
zu künstlerischen Therapien für Flüchtlinge zusammengearbeitet. Dort habe ich
mit Hilfe und dank der Kunst- und Theatertherapie zunächst nonverbale
Freundschaft mit den beiden geschlossen und im Verlauf dann auch meine ersten
italienischen Sätze gebaut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so rede ich allein hier vor Ihnen, obwohl Patric und ich den Vortrag gemeinsam erarbeitet und formuliert haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Programmtext des Convegno heißt
es: Wir leben in einer Realität, die das Unperfekte fürchtet. Diese Realität
fordert Perfektion, Können, äußerlichen Glanz und Vollkommenheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so erlebte ich mit der
Einladung zum Convegno und in der Vorbereitung dieses Vortrags und des
Workshops, den wir nächste Woche auch noch einmal beim Convegno der
französischen Dramatherapeuten in Lyon durchführen werden, viele Facetten
meiner selbst und des Spiels von Unperfekt-perfekt:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alles schien zunächst perfekt
zu laufen … denn mir liegen die Sprachen …</p>



<p class="wp-block-paragraph">ich wurde mir bei der
Vorbereitung wieder einmal meiner Liebe zu Sprachen bewusst … meiner
Muttersprache, weil sie mich einlädt zu differenziertem Denken und formulieren;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a>i</a>ch erinnerte mich, dass Französisch mit 17 die Sprache meiner emotionalen Befreiung wurde und tatsächlich, ich fluche und freue mich bis heute spontan auf Französisch … man sagte mir mit dem Wechsel der Sprache ändere sich auch der Ausdruck meiner Persönlichkeit</p>



<p class="wp-block-paragraph">dann fiel mir ein, zur Not,
wenn keine der beiden Sprachen funktioniert, geht ja auch noch Englisch, ein
recht verlässliches Mittel für Kontakte und Arbeitswelt</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das Italienische, fragte
ich mich dann? Wie kam das eigentlich? Und ich fand es sehr schön beim
Reflektieren zu entdecken, dass das Italienische mir einen geistigen Zugang zu Antworten
auf die Sinnfragen meines ganz persönlichen innerlichen Lebens geschenkt hat
und noch schenkt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Was aber hat das nun mit dem Thema
des Convegno zu tun? </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, während ich mich also noch
sonnte in meiner Selbstbetrachtung, kam unausweichlich der Moment des
Übersetzens meiner Gedanken und die Tatsache, dass ich auch in vivo als
Vortragende Deutsche in Italien vor Italienern sprechen werden müsse … die
Realität forderte also ihren Tribut und ich war plötzlich konfrontiert mit meinem
eigenen Perfektionsanspruch und der Furcht vor meiner eigenen Unperfektheit. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Je mehr ich mich auch bemühte,
alles richtig zu machen, desto deutlicher wurde mir meine Beschränktheit, meine
Unzulänglichkeit und meine Begrenztheit. Ich spürte die äußeren Begrenzungen
der Realität und die inneren Begrenzungen meiner Phantasie und meiner
Befürchtungen. Was werden die anderen Fachleute von mir denken? Kann ich die
Erwartungen an mich erfüllen? Oder werde ich &#8211; allein, weil ich mich nicht so
gut ausdrücken kann, wie ich es in meiner Muttersprache könnte &#8211; für
beschränkt, unwissend und damit auch anmaßend angesehen? Bin ich vielleicht
tatsächlich größenwahnsinnig gewesen mit meinem spontanen: Na klar kann ich einen
Vortrag auf Italienisch halten! Werde ich mich blamieren, schämen und uns alle
in eine peinliche Situation bringen, weil ich nicht vorher ausreichend darüber
nachgedacht habe, was alles schiefgehen kann? Und weil ich nicht vielleicht eloquent,
souverän, mit brillierender Intelligenz, strahlendem Selbstbewusstsein und überzeigender
Ausstrahlung, eben perfekt erscheine? </p>



<p class="wp-block-paragraph">Je mehr ich mich bemühe, alles
richtig zu machen, erlebe ich Seiten und Aspekte von mir, die ich nicht an mir
mag, die ich nicht wahrhaben will, die mich an mir stören. Ich möchte doch so
gerne glänzen, strahlen, vollkommen und perfekt sein, damit niemand, nicht
einmal ich selbst, an mir etwas findet und benennen kann, was noch nicht so
glatt, so glänzend, so unhinterfragbar ist, dass mir meine Unperfektheit meine
Unzulänglichkeit und damit auch meine Bedürftigkeit bewusst werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaube, wir alle wollen
schön, klug und machtvoll sein, wollen das Ideal, was wir von uns haben,
erfüllen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ist es nicht gerade das,
was mich als Mensch und als Therapeutin ausmacht? Dass ich mich mir und ihnen
in meiner Unzulänglichkeit zumute? Dass ich darauf vertraue, was ebenso so im
Programmtext steht, dass wir unsere Unvollkommenheiten in Würde, mit Schönheit
und Humor auszuleben berechtigt, ja vielleicht sogar aufgerufen sind? Müssen
wir als Therapeuten nicht gerade, uns selbst und unsere Unvollkommenheit
aushalten und annehmen wollen, um anderen dabei helfen zu können, dasselbe zu tun?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier vorne vor Ihnen zu stehen
und zu ihnen zu sprechen ist ein Experiment „in vivo“! Und so macht mir das
Motto des convegno Mut: „Vivere l´imperfezione!“ &#8211; Wohl an!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Antoine de Saint-Exupéry sagte
einmal: „Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen
gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Allgemeinen geht man
tatsächlich meist vom ersten Teil des Zitats aus: Nicht-Perfekt assoziiert dann
ein „zu-wenig-von-etwas“, einen Mangel. Und wie schön das dann im Umkehrschluss
zunächst klingt: Perfektion ist erreicht, wenn es nichts Zusätzliches mehr
braucht. Und dennoch ist diese anscheinend so wundervolle Sicht auf Perfektion auch
etwas Trauriges und Totes, wenn wir vom Leben und von Lebewesen sprechen. Wären
wir alle in diesem Sinne perfekt, wären wir alle gleich. Es wäre also egal, ob
wir etwas oder einen von uns weglassen würden. Das Zitat behauptet aber:
Perfektion ist, wenn man nichts mehr weglassen kann … das würde aber dann doch
bedeuten, dass jeder einzelne anders oder besonders sein muss, so dass man eben
nichts und niemanden mehr weglassen kann, um von Perfektion sprechen zu können?
Wie dem auch sei …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir alle gleich wären,
bräuchten wir auch den anderen nicht mehr, er hätte uns nichts zugeben, von
dem, was uns fehlt. Wir würden uns nicht mehr irritieren, anregen,
kontaminieren (wie Simone Donnari so schön zu sagen pflegt!), nicht mehr bereichern,
ergänzen und beschenken. Es gäbe keine Entwicklung mehr, das Leben als ein
Prozess käme zum Stillstand. Es gäbe auch keine Ideale mehr, keine Ziele, keine
Träume. Und es gäbe auch nichts Besonderes, Einzigartiges mehr. Unsere
Einzigartigkeit als Individuum beruht ja gerade auf unserem Nichtperfekt-sein!
Das Nichtperfekt-sein, unsere Unzulänglichkeit bedingt geradezu unserer
Einzigartigkeit. So kann ich es hier an diesem Ort auch wagen es noch direkter
zu formulieren: Gott hat uns als einzigartig gedacht und wir sind in unserer
Menschlichkeit aufgerufen, uns unserer Individualität bewusst zu werden: Einer
Individualität, die kein Egoismus ist, sondern einer Individualität, die
Facette, Farbnuance, Geschmacksnote eines großen Ganzen ist – einer Einheit – eines
ursprünglichen Prinzips – Gott! Das vermeintlich Unperfekte unseres Menschseins
ist somit unsere einzige Chance und unser unermessliches Potential. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir verwechseln häufig Perfektion
mit Ganz-sein, Heil-sein und Imperfektion mit defekt, beschädigt und krank oder
invalid. Wir wollen nicht zerbrechlich, angreifbar oder schwach sein.
Perfektion ist so gesehen ein Abwehrmechanismus, der uns schützen soll, vor der
Angst davor, unsere eigene Schwäche und Schwächen zu erfahren. Und darum
fürchten wir vielleicht auch die Innerlichkeit. Sie erscheint heute vielen als
etwas Bedrohliches, denn in der Innerlichkeit, der Stille, dem Lauschen, dem
Wahrnehmen erkennen wir unsere Zerbrechlichkeit, unsere Deformierungen und
Verletzlichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In unserer äußerlichen
Realität suchen wir nach Perfektion, obwohl wir uns in unserer innerlichen Realität
nach unserem eigenen Ganzen, ja, unserer Heiligkeit im Sinne von
Vollständigkeit sehnen. Es ist, als ob wir die Landkarte falsch herum halten
und darum unser Ziel zwar deutlich sehen, aber es nie erreichen, weil wir auf
dem falschen Weg sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie aber können künstlerische
Therapien, kann Theatertherapie, helfen, die Karte richtig zu lesen, den Weg im
Unperfekten zum Ganzen, zur Schönheit und Würde zu finden? Und unsere
Unvollkommenheit nicht schamhaft zu verstecken und zu verleugnen, sondern sie mit
Freude willkommen zu heißen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Theatertherapie lädt dazu
ein, die alltägliche Realität mit ihren Bedingtheiten, Grenzen und Gesetzen für
eine bestimmte Zeit zu verlassen und in die Dramatische Realität einzutreten.
Eine Realität, die wie die Traumrealität unbedingt, grenzenlos, zeitlos und scheinbar
anarchisch ist. In der dramatischen Realität ist alles möglich. Daher
bezeichnen wir sie auch als einen Möglichkeitsraum. Gleichzeitig ist immer
klar, dass wir uns in diesem Raum nicht in der alltäglichen Realität bewegen,
sodass die dramatische Realität immer ein „Als-ob-Raum“ bleibt. Dennoch wäre es
sicher bereichernd, mit Borges zu überlegen, ob es nicht vielleicht doch auch
eine Parallel-Realität ist, die nur eigenen Gesetzen folgt. Zumindest für
unserer Gehirn scheint es nach den Erkenntnissen der aktuellen Ergebnisse der Neurowissenschaften
ja so zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die dramatische Realität
ähnelt somit auch dem magischen Realismus, als deren Vertreter Borges gilt. Der
magische Realismus vermischt die Grenzen zwischen Realität und Phantasie.
Volkskultur, Mythologie, Religion, Geschichte und Geographie verschmelzen in
den Texten und sind doch immer erkennbar. Er kombiniert zwei Konzepte, die in unseren
Kulturkreisen normalerweise als gegensätzlich gelten: Realität versus Mythologie/Phantasie/Magie
– doch der Gedanke ist, dass diese beiden im Sinne eines Balanceakts sehr wohl nebeneinander
existieren können und nicht zwangsweise im Konflikt stehen.&#8220; Und hier
sehen wir große Übereinstimmungen mit der Theatertherapie, die das Unsichtbare
sichtbar und das Unaussprechliche begreifbar und sagbar macht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Peter Brook (und nicht nur er),
spricht von der Bühne als „Heiligem Raum“. In diesem heiligen Raum werden das
Innere, das Zerbrechliche und das Gebrochene sichtbar. Im Erleben der
Handelnden und der Zuschauer dieser „Unvollkommenheiten“ wird durch die
Katharsis, die nach Moreno zu einer Neuorientierung der Lebensgrundsätze sowohl
bei Zuschauern wie auch Protagonisten führt, die Schönheit, das Erhabende und
die Lebendigkeit dieser Unvollkommenheit deutlich und in ihrer Heiligkeit
sichtbar. Heiligkeit im Sinne von Besonderem aber auch Tranzendentem, und damit
auch von Ganz-sein und Über-sich-hinaus-gehen. Also etwas nicht Alltäglichem,
aber sicher auch nicht Perfektem. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Theatertherapie gibt im
Bühnenraum, im „Möglichkeitsraum“, einen Rahmen, um sich den Spannungen
zwischen unserer Sehnsucht nach Heil-sein mit der Realität des Gebrochen-seins
auszusetzen und diese Spannungen ausdrücken zu können. Und über dieses Erleben die
eigene Besonderheit, die eigene Einzigartigkeit und dadurch „Heilung“ und
„Heiligung“ zu erfahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Methode, mit der wir uns
in unserem Workshop heute Nachmittag der Imperfezione und dem sinnlichen
Erleben und Ausleben unserer Unvollkommenheit in ihrer Zerbrechlichkeit und
Hässlichkeit, aber auch Schönheit und Lebendigkeit annähern wollen, heißt Rasa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rasa ist eine Jahrhunderte
alte indische Theorie des indischen Theaters. Ihr Gegenstand ist die Abstraktion
des Lebens in Grundstimmungen, Gefühle und emotionale Zustände universeller
Natur, aus denen das Drama dann zusammengesetzt werden kann oder in der theatertherapeutischen
Arbeit die Geschichten, die unser Leben sind, neu zusammengesetzt werden
können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Rasa-Konzept findet in Indien
Theater, Tanz, Musik, Literatur und bildender Kunst bis heute Anwendung und
prägt auch das indische Kino. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Theorie des Rasa beruht
auf Reiz und Reaktion und deren Übertragung in den ästhetischen Raum. Gefühlszustände
manifestieren sich als Gesten, Körperbewegungen, Laute, Sprache und Mimik. Denn
die Gefühle oder psychisch-physische Zustände lassen sich nicht direkt, sondern
nur mittels Gesten, Worten und Bewegungen ausdrücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei werden zwar anfänglich
individuelle und persönliche Gefühle und Erfahrungen ausgedrückt und erlebt. Im
weiteren Verlauf aber durch &#8222;Transpersonalisierung&#8220; zwischen den
Handelnden und den Zuschauern aus der privaten Alltagserfahrung herausgelöst
und in die Ebene einer kollektiven menschlichen Erfahrung gehoben. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Arbeit mit dem Rasa bietet
noch eine wichtige Voraussetzung für den theatertherapeutischen Prozess,
nämlich die ästhetische Distanz. Gearbeitet wird auf einem begrenzten Raum, der
in 9 Felder aufgeteilt wird. Jedes Feld beinhaltet ein Rasa, also ein
bestimmtes Gefühl oder eine Grundstimmung. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Indem der Handelnde ein
Quadrat mit einem bestimmten Gefühl, eine Rasabox, betritt, öffnet er sich für
die darin enthaltenen Qualitäten. Er äußert und verstärkt seine in ihm
aufsteigenden Gefühle durch Gesten, Körperbewegungen und Laute. Er erforscht
die verschiedenen Qualitäten und Aspekte des Gefühls durch das Variieren seiner
Bewegungen und Laute, Körperhaltungen und Mimik. Er kann in dem sehr klar
begrenzenten Raum des Quadrats die Vielfältigkeit eines Gefühls erleben und zum
Ausdruck bringen. Er kann das Gefühl sehr intensiv erleben, in all seinen
schöpferischen, aber auch zerstörerischen Aspekten mit allen Sinnen wahrnehmen
und ausleben, ohne es unkontrolliert auszuagieren. Sollte ihm das Gefühl zu
intensiv oder mit der Zeit zu langweilig werden, kann er mit nur einem Schritt
in ein neues Quadrat treten und damit in ein anderes Gefühl wechseln. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem ersten Schritt werden
alle Quadrate aufgesucht und die Gefühle ausgedrückt und erforscht. Schon
hierbei kommen unwillkürlich eigene Assoziationen, Erinnerungen und auch
Wertungen ins Spiel. In einem zweiten Schritt werden für jedes Quadrat eine
wiederholbare Bewegungsfolge und Laute gesucht. Durch diese sehr individuelle
Bewegungsfolge entsteht aber auch eine Abstraktion, die zu einer Distanz führt,
die Neues ermöglicht und erfahrbar macht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In weiteren Schritten können zum
Beispiel Teile der eigenen Biografie durchgespielt werden, indem für eine
bestimmte Lebensphase ein bestimmtes Quadrat mit den definierten Gefühlen,
Bewegungen und andren Ausdrucksformen gewählt wird. Im wiederholten Wechsel
zwischen den Quadraten und Lebensphasen entwickelt sich ein biographisches
Erleben, ein ineinandergreifen der verschiedenen Lebensphasen, die eine
Entwicklung aufzeigen können, die einem bisher unerkannt gewesen war. Trotz
negativer Gefühle und Erfahrungen kann sich hier die Schönheit im Ganzen zeigen
und auch die Notwendigkeit von abgelehnten Aspekten des eigenen Ichs oder
Lebens für Wachstum und Entwicklung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso können in diesem eng begrenzten
Feld in Improvisationen von zwei oder mehreren Handelnden auch Geschichten
gespielt werden, indem in dem Reiz-Reaktions-Muster des Rasafelds durch das Wechseln
der Gefühlsquadrate eine Interaktion und daraus eine Handlung entsteht, die einen
klaren Anfang und ein ebenso klares Ende hat und einen erkennbaren Höhepunkt,
der oft zu einer Veränderung der Erwartungen und Ziele führt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da in diesen Improvisationen
die Sprache nur als letzte Möglichkeit genutzt wird, kommt es zu einem starken
inneren Erleben und gleichzeitig sehr ausdrucksstarkem auf sich selbst oder aufeinander
bezogenem Handeln. Ebenso findet bei jedem Handelnden ein stetiger Wechsel
zwischen äußerlichem Ausdruck und innerer Wahrnehmung statt. Durch den Wechsel
der Bewegungsqualität kann die Gefühlsintensität verändert werden und durch den
Wechsel in ein anderes Quadrat jederzeit auch beendet und später wieder
aufgenommen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Begrenzung der
Rasa-Boxes kann eine große Freiheit und die eigene Lebendigkeit erlebt und
letztendlich auch genossen werden. Dabei können auch sonst vermiedene oder
verleugnete und verdrängte Emotionen und Aspekte der eigenen Persönlichkeit erlebt
werden, die bisher abgelehnt oder als negativ beurteilt wurden. Dieses Erleben
kann zu einer Erfahrung der Ganzheit und Schönheit in der sonst erlebten persönlichen
Imperfektion führen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Raum zwischen den Handelnden
und den Zuschauern entsteht ebenfalls oft ein intensives inneres Erleben, ein
kollektiver emotionaler und geistiger Raum, ein gemeinsames Schwingen in einem
gemeinsamen Energiefeld. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Rasa ist ursprünglich eine
Methode, um Texte und Stücke zu entwickeln. Wir nutzen sie, um schon gelebte
Geschichte zu erforschen und neue Möglichkeiten zu erschließen. Rasa bietet
dabei die Möglichkeit Altes zu erkennen, Neues zu probieren und Perspektiven zu
verändern. Dabei können auch Bilder, Texte, Improvisationen entstehen, die
durch die Begrenzung dieser Methode einerseits immer auch nur Ausschnitte des
Ganzen bleiben werden, aber andererseits und darüberhinaus dennoch über sich
selbst hinausweisen zu einem größeren Ganzen, von dem wir ein Teil sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so können wir diesen
Vortrag mit einem Zitat von Jorge Luis Borges beenden und gleichzeitig auf
unseren Workshop hinweisend sagen:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir werden „Augenblicke
unseres Lebens wiedererlangen und sie kombinieren, wie es uns gefällt. Gott und
unsere Freunde und Shakespeare werden unsere Mitarbeiter sein.“ </p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielen Dank!</p>



<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" width="1024" height="632" src="https://patasona.de/wp-content/uploads/2020/01/Vortrag_Assisi_2-1024x632.jpg" alt="" class="wp-image-1823" srcset="https://patasona.de/wp-content/uploads/2020/01/Vortrag_Assisi_2-1024x632.jpg 1024w, https://patasona.de/wp-content/uploads/2020/01/Vortrag_Assisi_2-300x185.jpg 300w, https://patasona.de/wp-content/uploads/2020/01/Vortrag_Assisi_2-768x474.jpg 768w, https://patasona.de/wp-content/uploads/2020/01/Vortrag_Assisi_2-600x370.jpg 600w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Video des Vortrags &#8222;Behandlung der Opfer&#8220;</title>
		<link>https://patasona.de/video-des-vortrags-behandlung-der-opfer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[patasona]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Oct 2019 11:21:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Psychotraumatologie]]></category>
		<category><![CDATA[Fachtag]]></category>
		<category><![CDATA[transgenerational]]></category>
		<category><![CDATA[transgenerativ]]></category>
		<category><![CDATA[Trauma]]></category>
		<category><![CDATA[traumatisierte Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Video]]></category>
		<category><![CDATA[Vortrag]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://patasona.de/?p=1657</guid>

					<description><![CDATA[Hier finden Sie den Videomitschnitt des Eröffnungsvortrags zum 2. Fachtag &#8222;Trauma &#38; Gewalt &#8211; transgenerativ beleuchtet&#8220;, der am 27.09.2019 in Berlin-Lichtenberg stattfand. An dem Fachtag, gefördert durch den Gewaltpräventionsfonds des Landes Berlin, nahmen über 50 Personen aus dem sozialen, Gesundheits- und Bildungsbereich teil.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="1657" class="elementor elementor-1657">
						<section class="elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-480d616f elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default" data-id="480d616f" data-element_type="section" data-e-type="section">
						<div class="elementor-container elementor-column-gap-default">
					<div class="elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-2d089443" data-id="2d089443" data-element_type="column" data-e-type="column">
			<div class="elementor-widget-wrap elementor-element-populated">
						<div class="elementor-element elementor-element-650e68b0 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="650e68b0" data-element_type="widget" data-e-type="widget" data-widget_type="text-editor.default">
				<div class="elementor-widget-container">
									
<p class="wp-block-paragraph">Hier finden Sie den Videomitschnitt des Eröffnungsvortrags zum 2. Fachtag &#8222;Trauma &amp; Gewalt &#8211; transgenerativ beleuchtet&#8220;, der am 27.09.2019 in Berlin-Lichtenberg stattfand. An dem Fachtag, gefördert durch den Gewaltpräventionsfonds des Landes Berlin, nahmen über 50 Personen aus dem sozialen, Gesundheits- und Bildungsbereich teil.</p>



<figure><iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/xcTPloz1Juw" allowfullscreen=""></iframe></figure>
								</div>
				</div>
					</div>
		</div>
					</div>
		</section>
				</div>
		]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Vortrag &#8222;Die Behandlung der Opfer&#8220;</title>
		<link>https://patasona.de/vortrag-die-behandlung-der-opfer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[patasona]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Oct 2019 17:18:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Psychotraumatologie]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Fachtag]]></category>
		<category><![CDATA[Flucht]]></category>
		<category><![CDATA[Kriegsenkel]]></category>
		<category><![CDATA[Kriegskinder]]></category>
		<category><![CDATA[transgeneratinal]]></category>
		<category><![CDATA[traumatisierte Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Traumaweitergabe]]></category>
		<category><![CDATA[Vortrag]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://patasona.de/?p=1653</guid>

					<description><![CDATA[2. Fachtag Trauma &#38; Gewalt – transgenerativ beleuchtet 27.09.2019 in der JFE HolzHaus Berlin-Lichtenberg von Patric Tavanti Auf unserem diesjährigen Fachtag „Trauma &#38; Gewalt“ beleuchten wir das Thema „transgenerativ“, also wie Psychotraumata von der Erlebnis­generation auf die nachfolgenden Generationen vererbt oder an sie wei­tergegeben werden. Und welche Auswirkungen diese transgenerativen oder transgenerationalen Traumata für die &#8230;<p class="read-more"> <a class="" href="https://patasona.de/vortrag-die-behandlung-der-opfer/"> <span class="screen-reader-text">Vortrag &#8222;Die Behandlung der Opfer&#8220;</span>weiterlesen</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>2. Fachtag Trauma &amp; Gewalt – transgenerativ beleuchtet</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>27.09.2019 in der JFE HolzHaus Berlin-Lichtenberg</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">von Patric Tavanti</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf unserem diesjährigen
Fachtag „Trauma &amp; Gewalt“ beleuchten wir das Thema „transgenerativ“, also
wie Psychotraumata von der Erlebnis­generation auf die nachfolgenden
Generationen vererbt oder an sie wei­tergegeben werden. Und welche Auswirkungen
diese transgenerativen oder transgenerationalen Traumata für die Familie, aber
auch für ihre Umwelt haben und welche Dynamiken sie in Gang bringen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Xx Mir wird immer wieder
gesagt, dass das Thema ja hochaktuell sei, „ge­rade jetzt, mit den ganzen
Flüchtlingen…“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich will diese
einführenden Worte dafür nutzen, unseren Blick zu weiten. Das Thema
„transgenerationale Traumata“ ist uns vielleicht durch die schwierige Situation
der geflüchteten Menschen besonders bewusst ge­worden. Aktuell, wenn auch kaum
beachtet, ist es aber schon seit vielen Ge­nerationen – nicht nur in
Deutschland und nicht nur durch Menschen, die hier Schutz und Sicherheit
suchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Behandlung der Opfer ist
ein Buchtitel von Klaus Ottomeyer<a href="#_ftn1">[1]</a>. Er ver­weist darauf, dass
er diesen Titel gewählt hat, da ihm die Doppeldeutig­keit wichtig sei, nämlich,
wie wir die Opfer therapeutisch behandeln, aber auch, wie wir die Opfer im
Alltag behandeln, wie wir mit ihnen umgehen &#8211; oder eben auch nicht. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie behandelt unsere
Gesellschaft, also wir, die Verfolgten, Gefolterten, Versklavten der NS-Zeit, die
Opfer des II. Weltkriegs mit Bombenterror, Belagerungen und Straßenkämpfen, die
Geflüchteten, Vertriebenen und die über 2 Millionen durch alliierte Soldaten vergewaltigten
Frauen? Wie behandeln wir die Opfer der Stasi und der DDR? Auch aus der DDR
flüchteten Menschen in den sogenannten Westen. Sie hatten alles auf­gegeben und
zurückgelassen, und kamen in eine ihnen „fremde“ Heimat, wo sie erst einmal in
Sammelunterkünften untergebracht wurden. In ei­ner SFB-Reportage aus dem Jahr
1989 beklagte eine Rudowerin, dass die DDR-Flüchtlinge vor der Unterkunft
rumlungerten, nichts zu tun hätten und natürlich auf dumme Gedanken kämen,
vorbeigehende Frau ansprä­chen, stehlen und trinken würden – und dass die
Immobilienpreise nur durch ihre Anwesenheit sicher bald in den Keller gingen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir waren nicht gewollt“,
sagte auch meine Großmutter immer wieder, die als Vertriebene 1945 aus Soldin
in Westpommern nach Westberlin kam. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie waren nicht gewollt, sie
wurden nicht gefragt, nicht gehört, nicht ge­sehen. Und sie verstummten, schwiegen
aus Scham, aus Furcht und aus dem Wunsch heraus, dass das Schweigen das Erlebte
zwar nicht ungeschehen macht, aber zumindest vergessen lässt. Und wie in der
Nachkriegszeit, so sagen die Opfer auch heute, Hauptsache ich habe Ar­beit.
Nicht nur als Möglichkeit der Ablenkung, des Verdrängens, sondern auch, um der
Gesellschaft und sich selbst zu beweisen, dass man dazu­gehört, nicht wehleidig
ist, etwas einen Wert hat und einen wichtigen Beitrag leistet. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht nur um zu vergessen,
sondern auch als unbewusste Reaktion auf die innere Leere, die Schuld- und
Ohnmachtsgefühle und das beschä­digte Selbstwertgefühl. Dennoch blieben und
bleiben diese Menschen mit ihren Alpträumen, Ängsten, Wutausbrüchen, psychischen
und kör­perlichen Belastungen unverstanden, allein und oft auch abgelehnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nun reiß Dich mal zusammen.“
– „Das Leben geht weiter.“ – oder – „Du bist nicht mehr der Mensch, den ich mal
geheiratet habe.“ waren Sätze, die sie verstummen ließen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute sind sich viele
Psycholog*innen, Psychotherapeut*innen und Sozi­olog*innen einig: Die
nachfolgenden Generationen müssen oft unter den Erlebnissen und Erfahrungen
ihrer Vorfahren mitleiden. Oder wie Silke Hassel­mann es formuliert: sie werden
heimgesucht, und zwar frei nach dem Al­ten Testament, 2. Buch Mose, „bis ins
vierte Glied“.<a href="#_ftn2">[2]</a>
Wohl einer der wichtigsten Gründe für diese Heimsuchung ist das Schweigen der
Großeltern und Eltern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Frau Marianne Leuzinger-Bohleber verdeutlicht in ihrem Buch „Chroni­sche Depression, Trauma und Embodiment – eine transgenerative Per­spektive in psychoanalytischen Behandlungen“<a href="#_ftn3">[3]</a>, dass in Deutschland 2,8 Millionen Männer und 3,0 Millionen Frauen von Depression betroffen sind, gut 10% der Bevölkerung. 40% der deutschen Bevölkerung stirbt an Herz-Kreislauf-Erkrankungen<a href="#_ftn4">[4]</a>, rund 18 Millionen Menschen in Deutschland sind an einer Sucht erkrankt<a href="#_ftn5">[5]</a>. Und laut der  „Deutschen Ge­sellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Ner­venheilkunde“ erfüllt bundesweit mehr als jeder vierte Erwachsene im Zeitraum eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung.<a href="#_ftn6">[6]</a> All das sind Krankheiten, die mit Psychotraumata und Posttraumatischen Belastungsstörungen in Verbindung gebracht werden. Viele weitere, teils unerklär- oder unbehandelbare körperliche Erkrankungen oder Symp­tome können bei genauerer Diagnose auf eigene oder transgeneratio­nale Traumata zurückgeführt werden. Und auch Demenz wird von Teilen der Wissenschaft mit Traumafolgereaktionen in Verbindung gebracht. Dabei sind die meisten der heute an Demenz Erkrankten sogenannte Kriegskinder, die transgenerativ ihre Symptome von ihren Eltern empfan­gen und an ihre Kinder, die Kriegsenkel, weitergegeben haben. Transge­nerative Traumata verwachsen sich nicht mit den Generationen, sie brei­ten sich aus. </p>



<p class="wp-block-paragraph">(Nicht zu vergessen die Opfer
sexualisierter, emotionaler und körperlicher Gewalt in Kinderheimen, im Sport,
der katholischen Kirche…) </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man nun auch noch
bedenkt, dass ca. 30 % aller Kinder bis zu ihrem 18 Lebensjahr psychische
und/oder physische Gewalt erfahren müssen<a href="#_ftn7">[7]</a> und jedes fünfte bis
vierte Mädchen bis zur Volljährigkeit sexualisierte Gewalt erlebt<a href="#_ftn8">[8]</a> und die Täter*innen meist
aus dem engsten Kreis der Familie stammt, dann bekommen wir eine Ahnung von der
Dimension transgenerationaler Traumaweitergabe in unserer Gesellschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und darum bin ich der Meinung,
dass Franz Ruppert recht hat, wenn er von einer „traumatisierten Gesellschaft“
spricht<a href="#_ftn9">[9]</a>. In seinem Buch „Wer bin
ich in einer traumatisierten Gesellschaft?“ beschreibt er, wie sich
individuelle Traumata auf die Angehörigen auswirken und diese in die
Gesellschaft ausstrahlen und die traumatisierte Gesellschaft wie­derum auf die
Familien und diese auf das Individuum zurückwirken. Eini­ges von diesen
Dynamiken und Folgewirkungen werden hier heute Thema sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich ist nicht alles
Trauma. Aber ohne zumindest ein Psychotrauma als mögliche Ursache mitzudenken, bleibt
vieles unverständlich, uner­klärlich, und letztlich unbehandelbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bis ins vierte Glied“<a href="#_ftn10">[10]</a> ist auch ein Buchtitel. Herausgegeben
vom Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Landesbeauf­tragten
für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssi­cherheitsdienstes
der ehemaligen DDR.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mindestens 300.000 betroffene
Personen litten oder leiden noch immer unter latenten oder manifesten
psychischen Beeinträchtigungen als Folge von politisch motivierter Inhaftierung
und anderer Repressalien in der DDR, so das Ergebnis einer Studie von 2003 des
Greifswalder Uni­versitätsprofessors Harald Freyberger.<a href="#_ftn11">[11]</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht jeder traumatisierte
Mensch wird, wie gesagt, auch psychisch krank. Auch indirekt werden Traumata
nicht automatisch und 1:1 auf Kin­der und Kindeskinder übertragen, auch wenn es
Hinweise auf eine gene­tisch bedingte Anfälligkeit gibt. Aber, so Prof. Harald
Freyberger, in ei­nem Bericht des Deutschlandfunks:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das Schlimmste, was einem
Menschen in der zweiten Generation pas­sieren kann, ist eben dieses Schweigen.
Er erlebt dann bei seinen El­tern, die ja möglicherweise betroffen sind, oder
bei seinen Großeltern Verhaltensmerkmale, die er sich nicht erklären kann, die
unheimlich sind. Und das verändert natürlich die Beziehung zur Welt und zu den
Men­schen ganz grundsätzlich.“<a href="#_ftn12">[12]</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele traumatisierte Menschen sagen,
dass das Trauma zwar schon schlimm, noch viel schlimmer aber danach die
Erfahrung des Unver­ständnisses, des Weg-redens, des Verharmlosens der Menschen
war, an die sie sich vertrauensvoll gewandt, oder es zumindest versucht hat­ten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Behandlung der Opfer im
Alltag… und in der Medizin?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte
haben auch in ihrer medi­zinischen Behandlung genau dieses Unverständnis,
Weg-reden und Ver­harmlosen erfahren müssen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Migrant*innen kennen die
Konzepte „Psychotrauma“, „PTBS“ oder „Dissoziative Identitätsstörung“ nicht,
sie kennen die psychischen Symp­tome und medizinischen Kriterien nicht. Sie können
sie also auch nicht beschreiben. Aber sie erleben körperliche Symptome und
wenden sich damit hilfesuchend an deutsche Ärzte. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf „Bento online“, das Jugendangebot des Magazins Der Spiegel, be­schreibt Yannick von Eisenhart Rothe, wie eine Frau beim Arzt über Schmerzen im Bauchraum klagt. „Weil Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, kann sie kaum beschreiben, wo der Schmerz sitzt und wie stark er ist. Fest steht nur: Es tut weh. Der Arzt verschreibt ein Schmerzmittel und sagt hinterher: &#8222;Das war dann wohl ein Fall von Morbus Mediter­raneus&#8220;.“<a href="#_ftn13">[13]</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Was der Arzt wohl damit meinte:
&#8222;Die stellen sich immer so an, die Frauen mit Migrationshintergrund.&#8220;
Diese (rassistische) Zuschreibung va­riiert je nach Herkunft oder auch
aktuellen Flüchtlingsgruppen: &#8222;Morbus Bosporus&#8220;, &#8222;Morbus
Balkan&#8220; oder &#8222;Mamma-mia-Syndrom&#8220;. Oft seien Ärz­tinnen und Ärzte
dann wegen der ungenauen Beschreibung und des ver­meintlichen
&#8222;Jammerns&#8220; genervt, so Yannick von Eisenhart Rothe. Es schiene, als
würden als „deutsch“ angesehene Personen genauer unter­sucht, so ein
Medizinstudent in dem Artikel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Nationale Aktionsplan gegen Rassismus der Bundesregierung[14] von 2017 beschreibt erhöhte Häufigkeiten von schweren psychischen Krank­heiten, weniger therapeutischen Behandlungen und eine erhöhte Suizid­rate bei Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, besonders bei Frauen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Amma Yeboah, Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Köln unterstreicht, dass es Studien
gebe, die belegen, dass Menschen mit Migrationshintergrund häufiger und
schwerer an psychi­schen Störungen erkranken und gleichzeitig viel später
behandelt wer­den. Und sie fügt hinzu, dass das auch ein Ausdruck von
Hilflosigkeit des medizinischen Personals sei. Noch gravierender wäre die
Situation für Frauen mit Migrationshintergrund. Bei Ihnen vermischen sich oft
un­terbewusster Sexismus und Rassismus beim medizinischen Personal zu einer
Abwehrhaltung, die sich in der Zuschreibung „Morbus Mediter­raneus“ ausdrückt
und Patientinnen das Leben kosten kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und damit möchte ich
abschließend zu einem letzten Punkt kommen:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Behandlung der Opfer, das
Handeln der Betroffenen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Menschen, die sich für
andere, für Gerechtigkeit und Solidarität en­gagieren, die aus Mitgefühl und
innerer Betroffenheit Menschen in schwierigen Situationen helfen, sind oft auch
&#8211; bewusst oder unbewusst -tatsächlich selbst Betroffene, auch wenn sie sich
nicht an die eigenen oder transgenerationalen Traumata erinnern oder überhaupt
von ihnen wissen. Darum möchte ich Sie bitten, wenn Ihnen heute im folgenden Vortrag
oder in den Workshops im wahrsten Sinne etwas unter die Haut geht, sie mer­ken,
dass sie nervös und unruhig werden, schneller atmen, Ihnen heiß o­der
schwindelig wird, dann gehen sie raus, machen sie einen kurzen Spaziergang auf
unserem Außengelände, trinken Sie einen Schluck und wenden Sie sich
vertrauensvoll an die anwesenden Fachleute nachher beim Worldcafé oder in einer
der Pausen. Vielleicht wurden in Ihnen traumatische Erinnerungen getriggert.
Und auch wenn nicht, sprechen sie mit anderen darüber.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und behandeln Sie sich gut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielen Dank!<br></p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1">[1]</a>
Ottomeyer, Klaus, Die Behandlung der Opfer, Stuttgart, 2011</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2">[2]</a> https://www.deutschlandfunk.de/traumavererbung-bis-ins-vierte-glied-traumata-praegen-auch.724.de.html?dram:article_id=343713
(Stand: 24.09.2019)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3">[3]</a> Leuzinger-Bohleber,
Marianne, Chronische Depression, Trauma und Embodiment – eine transgenerative
Perspektive in psychoanalytischen Behandlungen, Göttingen, 2018</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4">[4]</a> https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/gesundheitsgefahren/sucht-und-drogen.html
(Stand: 22.09.2019)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5">[5]</a> https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/gesundheitsgefahren/sucht-und-drogen.html
(Stand: 24.09.2019)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6">[6]</a> https://www.dgppn.de/schwerpunkte/zahlenundfakten.html
(Stand: 24.09.2019)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7">[7]</a> Vgl. https://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Deutschland-Welt/Gewalt-gegen-Kinder-ist-noch-immer-Alltag,
14.07.2017 (Stand: 22.09.2019)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8">[8]</a> „Etwa
jedes 4. bis 5. Mädchen und jeder 9. bis 12. Junge macht mindestens einmal vor
seinem 18. Lebensjahr eine sexuelle Gewalterfahrung.“ zitiert: https://www.zartbitter.de/gegen_sexuellen_missbrauch/Muetter_Vaeter/2010_wie_haeufig_werden_kinder_missbraucht.php
(Stand: 23.09.2019)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref9">[9]</a> Ruppert,
Franz, Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft?, Stuttgart, 2018</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref10">[10]</a> „Bis
ins vierte Glied – Transgenerationale Traumaweitergabe“, Drescher A., Rüchel,
U., Schöne, J. (Hg), 2015</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref11">[11]</a> https://www.deutschlandfunk.de/traumavererbung-bis-ins-vierte-glied-traumata-praegen-auch.724.de.html?dram:article_id=343713 (Stand: 24.09.2019)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref12">[12]</a> https://www.deutschlandfunk.de/traumavererbung-bis-ins-vierte-glied-traumata-praegen-auch.724.de.html?dram:article_id=343713
(Stand: 24.09.2019)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref13">[13]</a> https://www.bento.de/politik/morbus-mediterraneus-das-rassistische-klischee-von-wehleidigen-migranten-a-7eced19d-851a-406e-aeb8-bea60ae28873
(Stand: 24.09.2019)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref14">[14]</a> Nationale
Aktionsplan gegen Rassismus der Bundesregierung, S. 114, Kabinettbefassung am
14. Juni 2017</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
