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	<title>Franziskus &#8211; patasona</title>
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	<title>Franziskus &#8211; patasona</title>
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		<title>&#8222;Franziskus und die Begegnung mit dem Aussätzigen in mir&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[patasona]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Jun 2019 13:20:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Aussätzige]]></category>
		<category><![CDATA[Begegnung]]></category>
		<category><![CDATA[Franziskus]]></category>
		<category><![CDATA[Therapie]]></category>
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					<description><![CDATA[(Vortrag auf der Tagung &#8222;Armut als Problem und Armut als Weg&#8220; der Fachstelle Franziskanische Forschung u.a. in Münster 2015) Ich bin als &#8222;un-ordentlicher Franziskaner&#8220; gefragt worden, ob ich aus meiner persönlichen Sicht beschreiben könnte, wie die franziskanische Armutsspiri­tualität mein Leben bereichert. Ich möchte als Theatertherapeut versuchen, aus einer biografischen, aber auch psychologischen Perspektive zu antworten. &#8230;<p class="read-more"> <a class="" href="https://patasona.de/franziskus-und-die-begegnung-mit-dem-aussaetzigen-in-mir/"> <span class="screen-reader-text">&#8222;Franziskus und die Begegnung mit dem Aussätzigen in mir&#8220;</span>weiterlesen</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">(Vortrag auf der Tagung &#8222;Armut als Problem und Armut als Weg&#8220;  der Fachstelle Franziskanische Forschung u.a. in Münster 2015)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bin als &#8222;un-ordentlicher Franziskaner&#8220; gefragt worden, ob ich aus meiner persönlichen Sicht beschreiben könnte, wie die franziskanische Armutsspiri­tualität mein Leben bereichert. Ich möchte als Theatertherapeut versuchen, aus einer biografischen, aber auch psychologischen Perspektive zu antworten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">2005 luden Franziskanerinnen und Franziskaner
mich ein, als Schau­spieler bei dem MusikTanzTheaterProjekt „clara.francesco“ mitzuwirken.<a href="#_ftn1">[1]</a>
Dieses Projekt war für mich Ausgangspunkt für eine Neubesinnung. Einige Sätze,
die ich dort aus dem &#8222;Testament des Heiligen Franziskus&#8220;<a href="#_ftn2">[2]</a>
vortrug, brachten mich völlig durcheinander.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war die Umarmung des Aussätzigen.<a href="#_ftn3">[3]</a>
Sie alle kennen die Szene. Mich hat sie schockiert. Sie hat mir einen sehr
klaren Spiegel vor Augen gehalten. Ich engagierte mich sozial und politisch –
aber ich hätte keinen Aussätzigen küssen können, dafür hing und hänge ich zu
sehr an meinem Leben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Franziskus aber ist vom Pferd herabgestiegen, um
diesem Aussätzigen auf Augenhöhe zu begegnen. Er hat danach allen Besitz
aufgegeben, um auch weiterhin den Aussätzigen auf Augenhöhe begegnen zu kön­nen.
Er machte sich selbst zum Aussätzigen und hauste im Freien vor der Stadt. Die
Radikalität des Franziskus liegt weit außerhalb meiner alltäglichen Komfortzone.
Leicht könnte ich fragen, was hat das mit mir zu tun?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Armut gibt es überall. Aber ich habe durch
Franziskus etwas kapiert: Die Armen in der Stadt sind Teil der Gesell­schaft
und haben ihren Anteil an ihr (an den Produkten, Festen, der Sicherheit durch
die Stadtmauern). Die Aussätzigen jedoch werden ausge­stoßen, aus der Stadt
gejagt und als schon gestorben und tot angesehen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Franziskus stieg vom Pferd, umarmte den
Aussätzigen und küsste ihn. Unglaublich. Aber noch unglaublicher finde ich,
dass Franzis­kus damit nicht beschreibt, wie er Gutes tut, sondern selbst
Gutes, näm­lich Heilung erfährt. Denn er sagt, dass ihm das, was ihm vorher so
bitter war, „in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt&#8220;<a href="#_ftn4">[4]</a>
wurde. Er schreibt nicht, dass der Aussätzige irgendetwas davon gehabt hätte (spontane
Heilung, einen schmerzfreien Tag, einen leichteren Tod). Nein, er schreibt nur,
wie es ihm selbst durch diese Begegnung besser ging. Und das schockierte mich
noch mehr. Was suche ich, wenn ich anderen helfe? Und kann ich anderen überhaupt
helfen? Brauche ich den Ande­ren, den Aussätzigen, um mich selbst besser zu
fühlen? Welchen Mehr­wert hat dieses Engagement für mich? Fühle ich mich selbst
dadurch mehr wert? </p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte lange, bis ich eine Antwort fand, die
für mich tatsächlich stimmig war. In meiner Ausbildung zum Drama- und
Theatertherapeuten wurde ich mit meinem Gutmenschentum immer wieder
konfrontiert. Und das war keine Süßigkeit, sondern ganz schön bitter. Ich war
nicht der Franziskus, der vom Pferd stieg, ich war der frühere Franziskus, der
als Ritter stolz vor­beiritt und dabei ausrief, ich tu das für euch, bewundert
mich doch bitte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so lernte ich in meiner Ausbildung zu
erkennen, dass Franziskus weder heroisch in den Krieg ziehen musste, um dem
Aussätzigen zu helfen, noch ihn küssen, um ihn zu heilen. Im Gegenteil: Indem
Franziskus den Aussätzigen umarmte und küsste, gestand er sich selbst ein, dass
er krank und verloren war, dass er nichts zu verlieren hatte, dass er dem
Aussätzigen nicht helfen konnte, dass er ihm gleich war, dass ihn nichts von
ihm trennte. Und so war es der Aussätzige, der Franziskus half, sich selbst zu
erkennen. In der Begegnung erfahren beide ihre Würde, weil sie gesehen werden
vom Gegenüber. Als Franziskus begriff, dass er nichts Besseres, Größe­res, Heroischeres
sein musste, dass er nicht nach Anerkennung und An­sehen suchen, sondern
stattdessen sich in seiner Menschlichkeit, seiner Hilflosigkeit, Unfertigkeit
und Unzulänglichkeit akzeptieren konnte, ver­flog seine Depression. Die Begegnung,
das „Zwischen-Menschliche“ heilte ihn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Franziskus verließ kurze Zeit später diese Welt,
wie es in seinem Testa­ment heißt. Er wurde ein Heiliger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lebe in dieser Welt sehr weltlich weiter. In
meiner Ausbildung hieß es, der Therapeut bekommt immer die Klienten, die er
gerade braucht, um in seiner Entwicklung als Mensch selbst weiterzukommen. In
der Therapie­sitzung treffen sich nicht Helfer/Heiler und Bedürftiger, sondern
zwei Kranke.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aussätzige, Ausgestoßene, Abgeschriebene, Aufgegebene,
Abgehängte und Abge­stempelte haben wir heute auch hier in Deutschland viel zu
viele. Ich ar­beite unter anderem in der Jugendanstalt Neustrelitz. Diese
Jugendli­chen will unsere Gesellschaft nicht sehen. Hinter hohen Mauern wegge­sperrt,
sollen sie gebessert, geheilt, entschärft werden. Und auch wenn sie wieder
rauskommen, bleiben sie stigmatisiert und ausgegrenzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich empfinde es als eine der schlimmsten
Erfahrungen, die ein Mensch machen kann: Als Mensch von anderen Menschen
aufgegeben und totgesagt weiterleben zu müssen. Das beraubt ihn seiner Würde.
Ich will diesem Menschen helfen. Und das ist gut und wichtig. Aber wie schnell
verliere ich die Augenhöhe, wenn ich helfen will? </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich will mit Ihnen noch ein letztes Mal zu der
Begegnung vor über 800 Jahren zurückkehren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Franziskus stieg vom Pferd und küsste den
Aussätzigen. Als er aber wieder auf sein Pferd gestiegen war, konnte er den
Aussätzigen nir­gendwo mehr entdecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich will diese Geschichte als eine „Begegnung
mit sich selbst“ verstehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ich von meinem hohen Ross heruntersteige,
meine Rüstung oder meine feinen Kleider ablege und mich ansehe, wie ich bin,
mag es einen Moment der völligen Annahme geben. Wenn ich aber wieder auf mein
Pferd steige, verliere ich mich aus dem Blick, ja ich fürchte mich sogar, mich
selbst so zu sehen, wie ich tatsächlich bin. Ich mache mich selbst zum
Aussätzigen, der sich verstecken muss und mir nicht zu nahe kommen darf. Wann
bin ich diesem Aussätzigen in mir begegnet? </p>



<p class="wp-block-paragraph">Immer wieder mal, wie jeder von uns. Mal ließ
ich ihn näher kommen, meist reichte mir ein schneller Blick aus der Ferne, um
voller Angst die Flucht zu ergreifen. Aber dass ich ihn küsste?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lag vor einiger Zeit mit Schüttelfrost und
Fieber im Bett und hustete mir die Seele aus dem Leib. Da erinnerte ich mich,
wie ich als Einjähriger mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus kam. Der
Arzt gab mir lediglich eine geringe Überlebenschance. Meine Eltern durften mich
nur durch eine Scheibe hindurch sehen. Da ich immer weinte, wenn ich sie sah, sie
mich aber nicht trösten konnten, kamen sie bald gar nicht mehr. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich konnte das alles noch nicht verstehen. Und
ich kann mich nur durch Erzählungen an diese Episode erinnern. Aber die
Erfahrung hinterließ ihre Schatten: Die Angst verlassen zu werden, die Angst
nicht liebens­würdig zu sein, verbunden mit der Angst zu sterben. Und die Angst,
für etwas bestraft zu werden, ohne zu wissen, wofür. Diese Ängste blieben im
Unbewussten. Dafür blieben sie umso wirksamer. Um zu verhindern, dass ich
jemals wieder in so eine Notlage geriet, musste ich mich unersetzlich machen.
So lange ich gebraucht werde, kann ich nicht verstoßen werden. Solange ich
meine Bedürfnisse hinter den Wünschen anderer zurückstelle, so lange ich mich bescheiden
und hilfsbereit um andere kümmere, kann ich nichts falsch machen oder bestraft
werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich nun mit Grippe im Bett lag, erkannte ich,
dass diese kindlichen Ängste mich heute noch in meinem Sehen, Fühlen, Denken
und Handeln bestimmen. Und das war, gelinde gesagt, ernüchternd. Da blieb nicht
viel Ritterliches oder gar Heiliges. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist nicht schön, mir einzugestehen, dass ich
die fehlende Eigenliebe durch die Anerkennung und Dankbarkeit anderer
auszugleichen versu­che. Es ist nicht leicht, mir einzugestehen, dass ich mit
meinem Verhal­ten Kontrolle und Sicherheit erlangen will.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist nicht leicht, mir einzugestehen, dass es
gar nicht darum geht, ein Aussätziger zu werden (welch heroische Selbstaufgabe),
sondern endlich zu kapieren, dass ich schon immer der Aussätzige war. Der
Aussätzigen, vor dem ich mich noch heute fürchte, den ich nicht sehen will, den
keiner sehen soll. Meiner eigenen Bedürftigkeit, meiner Verletzlichkeit und
meinen Verlustängsten muss ich ins Auge sehen. Ich muss sie an­nehmen, umarmen,
und die Verantwortung für sie übernehmen, statt sie beim Anderen zu suchen und
heilen zu wollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Franziskus erkannte in der Umarmung des
Aussätzigen sich selbst. Er gab das Getue auf, gab auf, etwas sein zu wollen,
was er nicht war. Es geht nicht darum, etwas zu tun, sondern zu sein! </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Einfachheit, die ich bei Franziskus entdeckt
habe, kann genauso missbraucht werden, um Anerkennung und Ansehen zu erlangen,
wie Reichtum und Macht. Ich kenne diese Versuchung nur zu gut. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wie die Gefangenen, mit denen ich ar­beite,
bleibe auch ich Gefangener meiner frühkindlichen Prägungen, so lange ich sie
nicht erkenne, annehme und sie mir immer wieder bewusst mache. Ich muss dem
Aussätzigen in mir wieder und wieder begegnen und ihn wieder und wieder küssen.
Bis ich bereit bin, ihn nicht mehr vor mir und anderen zu verstecken. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und was ist nun mit den jugendlichen Straftätern in Neustrelitz? Ich kann sie nicht heilen, Ihnen helfen oder sie befreien. Aber ich kann ihnen einen sicheren Raum bieten in unserer Begegnung. Meine Aufgabe ist dabei nicht, zu heilen, was da hervorbricht, sondern es (auszu-)halten und anzusehen, ohne es zu verurteilen oder abzulehnen. Eben ihnen auf Augenhöhe zu begeg­nen. Nicht ich, sondern diese Begegnung kann uns beide heilen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>(Erschienen in: Speelman, Willem Marie/Hilsebein, Angelica/Schmies Bernd (Hrsg.)Armut als Problem und Armut als Weg &#8211; Poverty as Problem and as Path, 2018) </em></p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1">[1]</a> Das MusikTanzTheaterProjekt
„clara.francesco“ wurde auf Initiative der Missionszentrale der Franziskaner
mit Blick auf den XX. Weltjugendtag (WJT) 2005 in Köln in Zusammenarbeit mit
zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern und verschiedenen franziskanischen
Konventen und Gemeinschaften entwickelt (Texte: P. Helmut Schlegel OFM, Musik:
Mea Kauß und Werner Dannemann, Choreografie: Barbara J. Lins, Regie: Daniel
Wrana). Nach dem WJT fanden bis 2009 weitere Aufführungen statt, u.a. in
Berlin, Bonlanden, Nürnberg, Oberhausen, Osnabrück, Sibiu, Speyer und Werne.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2">[2]</a> Vgl.: Franziskus: Das Testament. In: Berg, Dieter / Lehmann,
Leonhard (Hg.): Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus,
Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden.
Kevelaer 2009 (Zeugnisse des 13. und 14. Jahrhunderts zur Franziskanischen
Bewegung, Band 1) 59.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3">[3]</a> Vgl.: &nbsp;von Celano,
Thomas: Zweite Lebensbeschreibung. In: Berg,
Dieter / Lehmann, Leonhard (Hg.):
Franziskus-Quellen, 305</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4">[4]</a> Berg, Dieter / Lehmann, Leonhard (Hg.): Franziskus-Quellen, 59.</p>
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